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TIME OUT ROMAN GUIDE
 
Die Eiscreme-Schüler San Crispinos
 
Giuseppe Alongi weiß so einiges über Bananen. “Die Banane ist entscheidend” sagt er. “Einen Tag ist sie zu grün, am anderen zu rief und die Eiscreme schmeckt dann eben nicht.”.
Die meisten Eishersteller sehen noch nicht einmal das Obst, das in ihre Eissorten kommt – es kommt zerquetscht und breiig, vorweg abgepackt in Flaschen und Dosen an. Aber Giuseppe Alongi ist kein gewöhnlicher Eismacher, und sein produkt, das er zusammen mit seiner Frau Paola und seinem Bruder Pasquale im IL Gelato di San Crispino serviert, ist keine gewöhnliche Eiscreme.
Die Dreier-Gang machte ihren eigenen Laden vor drei jahren in einem bescheidenen Viertel im Süden Roms, in der Nähe der Porta Latina der Ardeatinischen Mauern auf. Vom “himmlischen Gelübde” in der Benennung des Ladens abgesehen, war da von außen wenig zu beobachten, das mehr als “ach ja, noch eine Eisdiele” zu versprechen schien. Aber innerhalb eines Jahres wurde San Crispino von Italiens führenden Gastronomie-Zeitschriften zur “möglicherweie besten Eisdiele im ganzemn Land” gekürt. Dieses Medien-Lob wurde von der Porpagandatrommel der begeisterten Verzehrer unterstützt: das Resultat wurde zum Alptraum der lokalen Verkehrspolizei. Das Geschäft liegt an der Via Acaia in Roms innerem Stadtring, und an Ausgehabenden ist es nicht ungewöhnlich, einen “vigile” herumirren zu sehen, der verzweifelt den durch die hinter- und übereinander geparkten Wagen ausgelösten Verkehrsstau zu meistern sucht.
Der Grund für das Gedränge ist klar: die Alongi-Brüder sind wahrhaftige Eis-Apostel. Die Aufrichtigkeit ihres Glaubens wird von der Qualität des Produktes bestätigt. Jeder Schritt der Herstellung unterliegt ihrer rigiden Kontrolle, vom Einkauf der Früchte, Nüsse und anderen Grundzutaten bis zur Verzehrstemperatur - niedriger als nomalerweise üblich, denn das San-Crispino-Mix enthält keine Emulgiermittel. Jedes Aroma hat eine leicht diverse Zutatenbalance - die Pistaziencreme braucht zum Beispiel viel weniger Milchfett als die normale Basiscreme, da die Nüsse schon an sich einen hohen Fettgehalt haben. Und man darf nicht erwarten, dass das Endprodukt diese grüne fluoreszierende Farbigkeit aufweise, die wir normalerweise bei Pistazieneis erwarten; Giuseppe und Pasquale mögen keine Farbverstärker.
Wer ein anschauliche Beispiel des tagtäglichen manischen Qualitätsfanatismus will, sollte dei Zabaionecreme wählen. Viele Eishersteller bereiten sie mit billigem Marsala her; die Alongi-Brüder benutzen eine 20 Jahre alte Riserva des De Bartoli-Weinhandels, die kostet um die 50 Mark die Flasche. “Es stellt sicher einen Verlust dar, die Aromen so herzustellen, aber wir sehen das als eine Art Visitenkarte”. Giuseppe und Pasquale haben persönlich die Hühner besichtigt, deren Eier für die Eiscreme benutzt werden, und sie können einem genau erzählen, wie sie gefüttert werden. Sie sind auch persönliche Freunde der Bienen, die den Honig für das San-Crispino-Eis - eine weitere Visitenkarte des Hauses - produzieren; und, sie wissen, wann die richtige Jahreszeit für Mandarinen- und Erdbeersorbett ist. Eine Anzahl von Aromen sind saisongebunden, zum Beispiel das mythische funghi porcini (Steinpilz)-Eis, das Pasquale als etwas ganz besonderes beschreibt - “auch wenn wir es unseren Kunden selbst noich nicht angeboten haben da es bis jetzt noch keinen Herbstregen gab.”
Wenn man mit dem Dreier-Team auf gutem Fuß bleiben will, darf man sie nie um eine Eiswaffel bitten; bei den Alongis gibt es nur Becherchen. “Eiswaffeln enthalten allein schon fünf verschiedene Farbstoffe”, donnert Pasquale mit dem reformatorischen Ton der 95 Thesen eines Luthers los.
An einer Wand des Ladens hängt ein ironisches Poster mit den Zehn Geboten der San-Crispino-Sekte. Nach ein paar Besuchen wird es schon recht schwierig das erste Gebot zu mißachten: “Du sollst keine anderen Eiscremes haben neben mir”.

- 1996/97 -
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